Zu Besuch bei der Reiterfamilie in Galgenen - Homestory im Kavallo aus dem Jahre 2009

Zügers erfolgreiche

Produktionen

In Galgenen, im steuergünstigen Kanton Schwyz, wird eifrig produziert, recycelt, gemästet und gezüchtet.

Auf der Bodenwiese im Bezirk March sorgt der umtriebige Guido Züger mit seiner Frau Jeannette dafür, dass die Geschäfte laufen und sich der erfolgreiche Nachwuchs aufs Reiten konzentrieren kann: Philipp, Doppel-Europameister bei den Jungen Reitern, und seine jüngere Schwester Annina gehören zu den grössten Talenten im Schweizer Springsport.

Die Zügers, die kennt man in der March

Im Gebiet des oberen Zürichsees unterhält Guido Züger mit seiner Familie und 18 Angestellten auf zehn Hektaren einen vielseitigen Betrieb, der sich nicht nur auf Schweinemast und Pferdezucht beschränkt. Zügers entsorgen auch Abfälle jeglicher Art, umweltgerecht, ökologisch und wirtschaftlich. Mit Lastwagen aus dem eigenen Fuhrpark sammeln sie organische Nebenprodukte ein, verarbeiten diese in der eigenen Biogasanlage. Mit dem gewonnen Biogas produzieren sie in zwei Blockheiz-Kraftwerken Strom und Wärme und heizen damit, unter anderem, auch ihr eigenes Schwimmbad vor dem fachmännisch und modern umgebauten Elternhaus am Bodenwiesweg in Galgenen.

Engagierte Eltern

Das in Geschäft, Sport und Zucht erfolgreiche Familienunternehmen Züger besteht aus vier eingeschworenen Mitgliedern: den Eltern Guido und Jeannette Züger und ihren Kindern Philipp und Annina. Guido Züger hat im Alter von 25 Jahren den Betrieb von seinem Vaters Pius übernommen. Dieser baute das Abfallprodukte- Unternehmen neben seiner Anstellung als Fabrikarbeiter auf. Aus Lebensmittel-Nebenprodukten wurde Futter für die eigene Schweinezucht hergestellt – einer der erfolgreichen Zweige der «Züger Produktionen». Derzeit fressen sich rund 3000 Schweine in Zügers Stallungen satt. Die Schweine werden jung und mit einem Gewicht von rund 20 Kilo Gewicht gekauft. Während sechs Monaten werden die Schweine auf rund 110 Kilo gemästet und verkauft. Als umtriebiger Tüftler hat Züger auch ein spezielles Öl für Pferde entwickelt, welches das Immunsystem unterstützt. Guido Züger, der mit dem Hengst Constant selber bis Stufe S erfolgreich war, hatte 1972 die letzte Kavallerie-RS absolviert und als erstes Pferd seinen Eidgenossen gefördert. Er hat den Pferdevirus nicht nur an seine Kinder vererbt, sondern ist auch ihr Trainer, Coach auf Turnieren und Sponsor. Auch in der Pferdzucht hat Guido Züger reichlich Erfahrung: Er hat sich der Holsteiner-Zucht verschrieben, deren Schweizer Delegierter er inzwischen ist. Nachdem das Multitalent Constantin GZ beim Deckakt tödlich verunglückt ist, steht zurzeit jedoch kein Hengst mehr auf dem Gestüt Züger.

Die strohblonde Jeannette Züger ist die gute Seele der Familie und organisiert alles rund um Haus, Stall, Zucht und Concours. Sie ist eine geborene Bischof und wuchs im St.Gallischen Mörschwil mit vier Schwestern auf. Ihre Schwester Imelda ist mit Paul Bücheler verheiratet, der als Pferdebesitzer und -mäzen im Springreitsport kein Unbekannter ist. Paul Bücheler stellt Annina Züger fünf Pferde, darunter auch die Stute Madammeke, zur Verfügung.

Ruhiger Doppel-Europameister

Im vergangenen Juli ging in Prag ein neuer Stern am Springsporthimmel auf: Der 21-jährige Philipp Züger gewann in der tschechischen Hauptstadt sowohl Gold im Einzel als auch mit dem Team. Er sass dabei in Sattel des neunjährigen Holsteiner-Wallachs Liatos, den sein Vater zweieinhalbjährig kaufte und den Philipp selber ausgebildet hat. Mit dem Sammeln von Titel hat der junge Mann Erfahrung: Bereits als 13-Jähriger wurde Philipp Kantonsmeister, zwei Jahre später gewann er die Pony-Schweizer- Meisterschaften und als 17-Jähriger holte er den nationalen Titel bei den Junioren. Trainiert wird Hobby-Koch Philipp von seinem Vater sowie zeitweise von Thomas Fuchs. Ab und sucht er auch den Mentaltrainer Christoph Roos in Lachen auf, um seine Atemtechnik zu verbessern und seine Energien besser zu kanalisieren. Philipp, blauäugig und strohblond wie seine Mutter, geht zwar gerne an Partys, ist aber äusserst ruhig, ehrgeizig, pflichtbewusst und gefühlvoll.

«Nach der Siegerehrung in Prag hat er zuerst sein Pferd geküsst und sich bedankt, weil seine Nerven am Schluss doch etwas flatterten», erzählt Jeannette Züger.

Im Frühling hat Philipp die Matura bestanden und Mitte September sein Wirtschaftsstudium in Zürich begonnen. «Ich möchte gerne später als Profi reiten, aber mit einer Ausbildung im Sack, wie dies auch meine Eltern wünschen», sagt der Doppel-Europameister, der überlegt argumentiert und für sein Alter abgeklärt wirkt. Als «launisch» bezeichnet ihn hingegen seine um fünf Jahre jüngere Schwester Annina.

Teenager mit Talent

Das «Müsli», wie ihre Eltern sie nennen, ist ebenfalls strohblond, und im Sattel nicht minder talentiert als ihr Bruder. Dreimal war sie Schweizer Meisterin bei den Ponys und belegte in diesem Jahr bei ihren ersten Meisterschaften der Junioren auf Anhieb Rang 3. Sie ritt dabei Madammeke, die ihrem Onkel Paul Bücheler gehört. Die elfjährige Holländer-Stute, die früher Pretty Woman hiess, ermöglichte Annina den nahtlosen Übergang von den Ponys zu den Junioren, was auch der 9. Rang an den dies- jährigen Nachwuchs-Europameisterschaften belegt.

Sie selber bezeichnet sich als «ungeduldig» und nennt Rodrigo Pessoa und Christina Liebherr als ihre Vorbilder. «Ich möchte wie Philipp einmal Profireiterin werden, wenn mein Talent ausreicht und ich über genug gute Pferde verfüge.» Am Vormittag besucht Annina die Minerva-Schule in Zürich, am Nachmittag reitet sie. «Wenn ich nicht in der Schule bin, Hausaufgaben mache oder an Partys gehe, dann findet man mich Stall bei den Pferden.» Madame, wie sie Madammeke nennt, ist ihr erklärter Liebling, nachdem ihre Lehrmeisterin, die erfolgreiche Pony-Stute Mill Road Jessica an Markus Wiesli verkauft wurde. «Madame ist zuverlässig, kämpferisch und vorsichtig, aber zickig anderen Pferden gegenüber», erklärt Annina. «Aber ich muss lernen, sie noch flüssiger zu reiten und das Tempo in den Griff zu kriegen», meint die 16-Jährige selbstkritisch.

Optimale Infrastruktur

Der Erfolg basiert auch auf der guten Infrastruktur, den die beiden Züger-Geschwister zu Hause vorfinden. Zum Gestüt gehören neben eigenen Weiden und Ackerflächen – auch das Futter und die Einstreu für die Pferde wird selber produziert – auch spezielle Stallungen für die Zuchtstuten und die Sportpferde. Die Pferde der Zügers dürfen jeden Tag und bei jeder Witterung für mindestens zwei bis drei Stunden auf die Weiden. Trainiert wird auf einem schmalen Sandplatz hinter dem Elternhaus und in einer 17 x 40 Meter grossen Reithalle. Die ehemalige Schiffswerfthalle ist in die Jahre gekommen und soll bald einer neuen weichen. Auf einer benachbarten Wiese ist bereits ein neuer, 45 x 70 Meter grosser Sandplatz geplant, damit für das eigene Training, aber auch für Vereinsspringen und die kantonalen Meisterschaften bessere Voraussetzungen geschaffen werden können.

Liatos und die Kois sind unverkäuflich

Der Star auf der Anlage der Zügers ist Philipps Goldpferd Liatos, den er als «schwierig» bezeichnet. «Liatos hat schon einige Untugenden. Er hat mich auch schon abgeworfen, aber er hat auch viel Vermögen, Kraft, Ausdauer und ist ein Wettkampftyp. Die Mischung aus Angst, Vorsicht und Frechheit macht ihn speziell. Zudem verweigerte er seine Dienste noch nie. Ein Stopp ist für uns ein Fremdwort.» Der hübsche Braune, der einen Ruf als Vielfrass hat, ist der ganzen Familie ans Herz gewachsen. «Wir haben Liatos gemeinsam aufgezogen und ausgebildet und zu dem ge- formt, was er heute ist. Deshalb ist er unverkäuflich», sagt Philipp. Vor zwei Jahren gingen an den Schweizer Meisterschaften in Ascona erste Angebote für den damals siebenjährigen Holsteiner ein. Doch diese wurden, ohne zu feilschen, flugs abgeschmettert.

Neben den Pferden gehören auch weitere Tiere zu Zügers Familie. Der Hofhund Fiuccia ist der Wächter der Anlage, der Jack-Russel-Terrier Whiskey der erklärte Liebling aller. «Schon sein Name ist speziell», sagt Annina und erzählt wie er dazu gekommen ist. «Papa wollte den Hund ursprünglich nicht. Eines Abends, als er dabei war, etwas Whiskey zu trinken, konnte ich ihn endlich erweichen.» Tags darauf hielt der Jack Russel bei den Zügers Einzug und wurde Whiskey getauft. «Heute sind Papa und er Verbündete. Whiskey schläft sogar ab und zu auf seiner Bettdecke», schmunzelt Annina.

Auf dem Gelände der «Züger Produktionen» fällt neben der Brückenwaage, der Eingangskontrolle aller Abfallprodukte und dem idyllischen Familien-Holzhaus auch ein schön gestalteter Koi und Forellenteich auf. «Die Fische werden nicht speziell gezüchtet, die Forellen aber gegessen, wenn es zu viele werden», verrät Guido Züger. Und weshalb die Zügers die bunten Kois halten, ist auch eine besondere Geschichte. Der Brokatkarpfen ist eine kostbare Zuchtform des Karpfens (auf japanisch «Koi»). Guido Züger baute das Koi- Becken auf Wunsch eines sehr kranken Freundes. Dieser wollte vor seinem Tod seine geliebten Fische in sicherem Gewahrsam wissen. Just als das Becken fertig erstellt war und die Kois ihr neues Gewässer bewohnten, starb Zügers Freund. Deshalb sind auch diese Fische in Galgenen unverkäuflich.

Text: Peter Wyrsch
Fotos: Valeria Streun